KI als vierte Kränkung der Menschheit nach Kopernikus, Darwin und Freud?
Worum es in dieser Folge geht
Ist KI die vierte große Kränkung der Menschheit?
Erst Kopernikus, dann Darwin, dann Freud: Drei Mal hat die Wissenschaft das Selbstbild des Menschen erschüttert. Jetzt kommt die KI und kratzt an dem, was wir für typisch menschlich hielten: an Denken, Sprache und Kreativität.
Warum genau darin auch eine große Chance steckt, hörst du in dieser Folge.
Transkript
Leicht redigiertes Transkript der Folge.
KI soll jetzt also die vierte große Kränkung der Menschheit sein. Was ist damit gemeint? Nun, dreimal hat die Wissenschaft das Selbstbild der Menschheit in der Vergangenheit schon maßgeblich erschüttert. Die Idee dieser drei großen Kränkungen wurde 1917 von Sigmund Freud geprägt, und zwar in seinem Aufsatz „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“.
Die erste Kränkung, die Freud darin beschreibt, war die kosmologische, circa 1543: Da hat Nikolaus Kopernikus postuliert, dass der Mensch gar nicht der Mittelpunkt des Universums sei, dass sich also gar nicht alles um den Menschen dreht. Die zweite Kränkung war die biologische, ab 1859: Da hat Charles Darwin festgestellt, dass der Mensch in die Evolution eingebettet und gar kein Sonderwesen ist. Wir haben biologisch als Menschheit gar nicht diesen Sonderstatus, wie bis dahin angenommen worden war. Und die dritte Kränkung war die psychologische, die Sigmund Freud 1917 dann selbst beschrieben hat: dass wir gar nicht Herr im eigenen Kopf sind, weil es das Unterbewusste gibt und dieses Unterbewusste uns als Menschen ganz maßgeblich mitlenkt.
Wenn wir KI nun als die vierte große Kränkung begreifen, dann deswegen, weil auch sie an etwas kratzt, was wir bis dahin für exklusiv menschlich gehalten haben: unser Denken, unsere Sprache, unsere Kreativität. Das klingt zunächst natürlich bedrohlich. Und wenn wir in die Geschichte zurückblicken, hat sich jede dieser Kränkungen für die Menschen im jeweiligen Moment wie ein ganz großer Verlust angefühlt. Aber die Kränkungen waren jedes Mal auch die Grundlage für einen ganz wesentlichen Entwicklungs- und Wachstumssprung, und damit für ein neues Verständnis unseres Platzes als Menschheit in der Welt. Wir können uns ja mal fragen: Würden wir uns heute wünschen, dass es diese Erkenntnisse nie gegeben hätte? Oder würden wir uns dann vielleicht doch wie im Mittelalter vorkommen?
Also, ich finde: Vielleicht zwingt uns diese vierte Kränkung herauszufinden, was wirklich menschlich an uns Menschen ist. Und wer weiß, vielleicht sagen wir Menschen in 100 Jahren oder auch schon in 50 Jahren: Es ist noch gar nicht so lange her, da saßen die Menschen acht Stunden oder noch länger am Tag am Bildschirm und haben noch Zahlen von Hand in Excel eingegeben. Und das, obwohl sie wussten, dass das lange Sitzen ungesund ist. Aber diese Zeiten sind ja zum Glück vorbei.
Vielleicht lässt sich diese Kränkung also auch zu einem echten Befreiungsschlag gestalten. Aber dafür dürfen wir die Lust am Selberdenken und vor allem am Selbergestalten nicht aufgeben. Und gerade dazu kann uns KI auch verführen. Genau um dieses Thema geht es in der nächsten Folge: Was passiert, wenn wir unser Denken an KI auslagern?
